Haben Sie ein Visum?

Sonne_Visum.jpg„Haben Sie ein gültiges Visum mit?“, fragte der Grenzbeamte am Istanbuler Flughafen ganz ernst. „Ich dachte sie können das am Bildschirm sehen.“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Ich hätte ohnehin seit April ein gültiges elektronisches Visum und beim letzten Eintritt in die Türkei hätte mir an derselben Stelle sein Kollege erklärt, dass ich das Tablet mit einem Ausdruck des Visums wegpacken solle, da es verboten sei, elektronische Geräte am Schalter zu bedienen und er ohnehin alles am Bildschirm sehen könne. Dazu wollte der freundliche Kontrolleur diesmal nichts sagen, sondern wiederholte stur, dass ich zum „Chef“ gehen sollte. Wer dieser Chef ist war leider nicht zu eruieren, auch beim Platzanweiser an der langen Schlange vor den tristen Glas-Kabinen nicht. Also zog ich von dannen und versuchte, jemanden zu finden, der Englisch konnte und bereit war, mir zu helfen.

Unweit vom Ort des Geschehens war ein Schalter mit der Aufschrift „VISA“. Ich ging dahin und stellte mich brav an, bis ich nah genug an den Schalter gekommen war, um das Schild darauf lesen zu können: „Bitte keine Fragen bezüglich Visum stellen, wir sind nicht die Visa-Stelle!“. Sie verkauften also nur Visa, wussten aber nichts darüber, außer wie viel Geld sie mir dafür abknöpfen wollten.

Langsam erinnerte mich das Ganze an einem Film, in dem der Hauptdarsteller im Flughafengelände gefangen ist. Bei all der Schönheit der Kunststoffteppiche und Parfümerien wollte ich aber doch lieber meine wohlverdiente Urlaubszeit an der Sonne in der Stadt verbringen, also dachte ich, dass ich ins Internet steigen und das Visum herunterladen könnte. Ich zog also die Wunderwaffe der modernen Gesellschaften und drehte mein altes Mobiltelefon samt WLAN-Empfang ein und siehe da: Es gab ein freies Internetservice des Istanbuler Flughafens! Voller Hoffnung und Schadenfreude über das Gesicht des Beamten beim Antanzen mit dem gültigen Visum versuchte ich, mich für das Internetservice anzumelden. „Authentifizierungsfehler“, spuckte mir das undankbare Gerät ins Gesicht.

„Du bist schon alt und wirst bald ersetzt und nicht einmal recycelt, mach ruhig wo weiter, sagte ich dem alten Ding. Ich erinnerte mich aber gleich daran, dass in der Türkei nur im Inland gekaufte oder in einem langwierigen Verfahren registrierte Mobiltelefone funktionieren sollen. Da ich aber keineswegs die Absicht hatte, drei Tage zu warten bis der Anmeldevorgang abgeschlossen war, hielt ich einen vorbeiziehenden jungen Mitarbeiter an (ich kam zu dem Schluss, er müsse dem Flughafenpersonal angehören, weil er einen Ausweis um den Hals trug, ob das stimmt, weiß ich bis heute nicht) und zwang ihn mir zu helfen. Ich erklärte ihn, ich sei im Flughafen gefangen und da verstand er natürlich sofort meinen Drang, in die Freiheit zu gelangen. Er ließ mich also über sein in der Türkei gekauftes und damit legitimes Gerät mit meinem Mobiltelefon ins Netz und half mir auch noch dabei, auf der Seite der Einwanderungsbehörde den Pfad zum Herunterladen des gültigen Visums zu finden.

Mit heruntergeladener PDF-Datei, 23 % noch vorhandener Akkuleistung und der Hoffnung auf baldige Entlassung stellte ich mich wieder an. Nach 40 Minuten und mit immer noch ausreichenden 11 % Akku – ich hatte dummerweise immer wieder das Telefon aktivieren und nachsehen müssen, ob das Visum eh gültig und das PDF-Dokument nicht aus Rache von meinem undankbaren Gerät gelöscht worden war – kam ich zu einem Schalter. Der Beamte scannte meinen Pass ein, sah sich die Daten an, sah mir lange mit prüfendem, zweifelndem Blick in die Augen – was dem üblichen Paarungsritual zwischen Grenzbeamt_innen und Reisenden entspricht und mich deswegen nicht sonderlich tangierte – und wollte mich schon weiterziehen lassen, als ihn etwas ganz Wichtiges einfiel… „Haben Sie ein gültiges Visum mit?“, fragte er mit einem sonderbaren, einerseits leicht beschämten, andererseits doch recht rechthaberischen und besserwisserischen Gesicht. Ich zog mein Handy aus der Tasche, druckte auf den Knopf und ließ das Ding mit halsbrecherischer Gelassenheit auf den Tressen fallen – ob das treue arme Telefon damit endgültig den Geist Aufgab war mir in dem Moment egal. „Da“, sagte ich majestätisch und glaubte für einen Moment eine leichte Enttäuschung in seinen Augen lesen zu können. Mir fiel dabei ein, dass die Beamt_innen vielleicht angewiesen worden waren, aufgrund des schleppenden Visaabkommens mit der Türkei zu Einreisenden aus der EU besonders eklig zu sein.

Ich ging also voller guter Dinge weiter und sah mich schon in Freiheit, als ich abrupt stehen blieb und mir dämmerte, dass es mir eine Stunde gekostet hatte, aus den Fängen der Grenzkontrolle zu entkommen und ich noch mein Gepäck finden musste. Voller böser Vorahnungen suchte ich das richtige Förderband und sah… nichts: keine Koffer, keine Freiheit, nichts! Die Welt drehte sich plötzlich ganz schnell. Ich sah mich schon stundenlang eine Verlustanzeige in vierfacher Ausführung ausfüllen, erinnerte mich aber daran, dass ich schon öfters gehört hatte, dass die Lost & Found-Büros am Istanbuler Flughafen besonders freundlich waren.

Ich suchte also die nächste Lost & Found-Anlaufstelle und fand: nichts…kein Mensch da! Ich klapperte also alle (menschenleere) zuständige Büros ab – es scheint mehrere zu geben – und musste feststellen, dass der Flughafen drauf und dran war, zu gewinnen, als ich einen einsamen Menschen mit einem Haufen Koffer stehen sah und zu seinen Füßen etwas erkannte: Ja, meinen Koffer! Ich ging also hin, nahm es kommentarlos und ohne irgendeine Regung des Mitarbeiters an mich und wollte schon gehen, als ich mich noch umdrehen und alles aufs Spiel setzen musste… „Es ist nicht leicht, … in diesem Flughafen zurecht zu kommen“, sagte ich ihn voller Enttäuschung. Da sah er mich an und ich erkannte ein verständnisvolles Nicken in seinen Augen. Ich beeilte mich also lieber, da weg zu kommen und freute mich schon auf das nächste Match, wenn es wieder heißt: „Haben sie ein gültiges Visum mit?“.

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