Wahlverhalten und Selbstbild – Ich fühle, also wähle ich?

Sonne_WahlUnlängst entgegnete mir ein Vorgesetzter, nachdem ich ihn zur Rede gestellt hatte, weil er meine Arbeit als seine eigene ausgegeben hatte, dass alles ein Missverständnis sei, dass er nie bewusst versuchen würde, meine Leistungen unsichtbar zu machen, wo er doch daran interessiert sei, mich auch außerhalb des Unternehmens zu fördern, um meine Dienstleistung ebenfalls möglichst gewinnbringend anbieten zu können.

Ich musste kurz danach an eine schwierige Trennung denken, bei der eine gemeinsame Freundin in einer geteilten Chatgruppe voller Sorge um das Wohlergehen einer der zwei Getrennten ihre Unterstützung angeboten hatte, dabei aber die zweite Hälfte des ehemaligen Paars mit keinem Wort erwähnte. Einige Monate später traf sie zufällig die zweite Person und war verblüfft und gekränkt, als diese nicht allzu freundlich, geschweige denn an einem weiteren Kontakt interessiert war. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie selbst unter der Entfremdung von den Freunden einer früheren Beziehung gelitten und sich vorgenommen hatte, in Trennungsfällen stets den Kontakt zu beiden Betroffenen zu halten.

Auch zu gesellschaftspolitischen Themen würden sich die meisten Menschen als anständige, empathische und herzliche Menschen beschreiben. Sie würden auch in konkreten Fällen nie jemandem bewusst Schaden zufügen. Trotzdem verhält es sich genauso wie bei den oben beschriebenen Beispielen – im Endeffekt zählen weder die guten Vorsätze noch die Gefühle, die wir für jemandem oder etwas empfinden, sondern nur unsere Handlungen.

Welche Partei wir wählen, welche Menschen wir als FreundInnen, PartnerInnen, NachbarInnen oder ArbeitnehmerInnen in Betracht ziehen – oder auch nicht –  gibt nicht nur darüber Auskunft, wie wir mit unseren z. T. begründeten Ängsten und mit dem Verlust an Wohlstand und Kaufkraft umgehen, sondern auch, was für Menschen wir sind.

Widrige Umstände und Herausforderungen wird es in Mitteleuropa auch weiterhin viele geben. Wir müssen auch Lösungen dafür finden, wie wir im globalen Kontext Arbeit in unserem Land wieder wertvoll machen können. Nur so werden wir alle über ein Einkommen verfügen können, dass ein Leben ermöglicht, wie wir es uns wünschen. Dass es keinen gangbaren Weg zu geben scheint macht uns wütend. Einfache Antworten und Gewalt gegen uns selbst und andere sind aber nicht die Lösung. Vielleicht wäre es bei Wahlen besser, inne zu halten und uns auf unser Selbstbild zu besinnen, damit wir auch lange nach einer Wahl von uns selbst behaupten können, unseren eigenen Anspruch gerecht worden zu sein.